Architektur

Die Architektur des Schlosses Traunsee

Das Echo der französischen Renaissance

„Sicardsburg und van der Nüll / Haben beide keinen Stüll / Gotisch, Griechisch, Renaissance / Das ist ihnen alles aans.“

Dieses zeitgenössische Spottgedicht drückt die Unzufriedenheit gegenüber zwei prominenten Wiener Architekten des Eklektizismus aus. Die beiden verwenden beim Bau der Wiener Staatsoper unterschiedlichste Stilelemente aus verschiedenen Epochen.

Die Enttäuschung der Wiener Öffentlichkeit schlägt in eine Pressekampagne gegen die beiden Architekten um. Nachdem das Straßenniveau vor der Oper nach Baubeginn um einen Meter angehoben wird, bezeichnet man die Oper als „versunkene Kiste“ und – in Analogie zum militärischen Desaster von 1866 – „Königgrätz der Baukunst“. Nach allgemeiner Ansicht verzweifelt Van der Nüll an der Kritik und erhängt sich am 3. April 1868, während seine Ehefrau Marie im achten Monat schwanger ist.

Der Klassizismus, der Rückgriff auf die Architektur der griechisch-römischen Antike, wird allmählich durch Neugotik und Neorenaissance abgelöst.

So ist es kein Zufall, dass das Schloss Traunsee, von Philipp von Württemberg in Auftrag gegeben, im Stil der französischen Renaissance erbaut wird, wird er doch als Enkel des letzten französischen Königs, des „Bürgerkönigs“ Louis-Philippe, an dessen Hof in Paris erzogen.

Planung und Bauausführung des Schlosses Traunsee erfolgen durch Architekt Heinrich Adam, der bereits das Palais Württemberg an der Wiener Ringstraße, das heutige Hotel Imperial geplant hatte. Für die Schlosskapelle zeichnet der Wiener Architekt Heinrich von Ferstel, der Erbauer der Votivkirche, verantwortlich.  

Wie kommt man eigentlich auf die Idee, Architekturstile der Vergangenheit, die bereits Jahrhunderte zurückliegen, bei funktionellen Bauten wie Bahnhöfen und Mietskasernen anzuwenden?

Der Historismus ist eng mit der Kultur und bürgerlichen Ideologie des 19. Jahrhunderts verknüpft. Der Bürger, dem im Gegensatz zum Adel eine durchgängige, Dynastien bildende eigenständige Geschichte fehlt, konstruiert sich seine eigene. Das Bürgertum sieht sich selbst als finale und höchst entwickelte gesellschaftliche Klasse und betrachtet daher alle vorangegangenen Epochen unter dem Blickwinkel des Bürgertums.

Die Bürger Athens entwickeln als erste die Demokratie – wenn auch nur wenige Prozent der Bevölkerung daran teilhaben – daher erbaut man etwa das Wiener Parlament im Stil eines griechischen Tempels. Bürger des Mittelalters ermöglichen durch Handwerk und Handel die hohe Blüte der Stände und beherrschen diese auch – daher das Wiener Rathaus im Stil der Gotik. Bürger der italienischen Städte werden als Handelsleute und Bankiers reich und mächtig, als Mäzene fördern sie die Künstler der Renaissance – daher die Kunstakademien im Stil der italienischen Renaissance.

Ohne Kenntnis dieser Hintergründe verwirrt uns die Architektur des Historismus durch ihre scheinbar willkürliche Vielfalt und Verschiedenheit und, die Bezeichnung sei erlaubt, gelegentlich auch durch ihre Hässlichkeit.

© CC BY-SA 4.0-altmünster-weg-artmünster-beyondarts-app-1000

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