Die Aurachnixe

Die Aurachnixe

Eine Nixe versucht sich als Magd

Irgendwo im Aurachtal stand vor langer Zeit an einer entlegenen Stelle ein Marterl. Den genauen Ort kennt man heute nicht mehr, aber warum es errichtet wurde, das erzählt man sich noch heute:

Eines Abends rastete dort ein Bauer nach getaner Arbeit. Er genoss die letzten warmen Strahlen der Sonne auf seinem Gesicht. Als ein Schatten auf ihn fiel, blickte er irritiert auf. Eine Frau stand vor ihm, ihr Gesicht war schöner als die untergehende Sonne. Erstaunt bewunderte er ihr kohlrabenschwarzes Haar und ihre Augen, die so grün waren wie das Schilf an einem Flussufer. Sie trug ein nasses Kleid, das wie eine zweite Haut auf ihrem Körper klebte. Am Rocksaum wanden sie dunkle Schlingpflanzen und helle Wasserlinsen. Es waren Pflanzen, die es in der Gegend weit und breit nicht gab. Der Mann war von ihr so verzaubert, dass er ihr eigenartiges Gewand nicht bemerkte. Neben dem Bauern graste ein schwarzer Geißbock. Die fremde Frau begann den Bock zu streicheln und setzte sich neben den Mann.

Sie begannen sich zu unterhalten und der Bauer genoss die Gesellschaft der wortgewandten Frau. Dann fragte die Fremde den Bauern, ob sie bei ihm als Magd eintreten könne. Der Bauer war überrascht und erfreut, sie einigten sich schnell, zumal sie auch keinen Lohn verlangte. Sie sagte nur: „Ich will dir immer eine fleißige und gute Magd sein. Aber wenn ich von deinem Hof fort will, musst du mich jederzeit ziehen lassen.“

Der Bauer war einverstanden und führte sie zu seinem Hof. Von früh bis spät arbeitete sie am Hof und tat alles, was man ihr auftrug. Sie war eine fleißige und brave Magd. Jedoch weigerte sie sich nach Kufhaus oder Pinsdorf zu gehen, niemals wollte sie den Hof verlassen. Außerdem weinte sie stets bitterlich, wenn Glockengeläut zu hören war. Die fremde Magd wirkte eigenartig, doch weil sie sehr fleißig und ordentlich war, ließ man sie in Ruhe.

So verging die Zeit am Hof und auf den Feldern. Wieder einmal hatte der Bauer im Walde zu tun. Er schnitt Schösslinge ab und wetzte sein Messer an einem Stein. Er hatte nicht bemerkt, dass ein mächtiger Frosch zwischen den Steinen ruhte. Das Wetzen scheuchte das Tier auf und er hüpfte auf den Bauern zu. Der erschrak vor dem grünen Getier, das größer war als ein Laib Brot. Vor Schreck griff er nach einem abgeschnittenen Zweig und schlug nach dem Frosch. Er riss sein großes Maul auf und quakte: „Weil du mich gehaut, hol` ich meine Braut!“ Mit gewaltigen Sätzen hüpfte er talab und verschwand im Dickicht des Waldes.

Der Bauer stand wie erstarrt, lange konnte er keinen klaren Gedanken fassen. Seine Knie zitterten und Schweiß rann ihm über seiner Stirn. Er konnte nach dieser Begegnung nicht mehr weiterarbeiten. Die ganze Zeit überlegte er, was die seltsamen Worte des Frosches wohl bedeuteten. Schnell lud er die geschnittenen Schösslinge auf seine Schulter und eilte nach Hause. Der mächtige Frosch ging ihm nicht aus dem Kopf.

Als er durch das Tor seines Hofes trat, erschrak er erneut. Mit Gejohle und Gejauchze sauste die fremde Magd über ihn hinweg. Ihr dunkles Haar wehte wie ein Schatten im Wind. Sie ritt auf einem rabenschwarzen Ziegenbock und auf ihrem Schoß hockte der große Frosch. Wie ein Sturmwind jagten die drei zur Aurach.

Dieses Erlebnis ließ den Bauer lange nicht ruhen. Die fremde Magd war die Braut des Frosches? War sie gar eine Nixe, die ihre tiefen Gewässer verlassen hatte? Der Bauer entschied an der Stelle, wo er zuerst die fremde Magd kennengelernt hatte und dann dem Frosch begegnete, ein Marterl zu errichten.

Von nun an nannten die Leute den Bauern ,,den Froschschläger‘‘. Auch seine Kinder und Kindeskinder behielten diesen Namen. Erst vor kurzer Zeit soll der letzte aus diesem alten Bauerngeschlecht gestorben sein.

© CC BY-SA 4.0-altmünster-weg-artmünster-beyondarts-app-1000

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