Der Jungfernsprung

Der Jungfernsprung

Eine Leandersage aus Traunkirchen

Vor langer Zeit lebte auf der Seeburg zu Ort ein reicher und mächtiger Graf. Seine Gemahlin starb und hinterließ ihm eine Tochter. Als Ebenbild der Gräfin wuchs sie zu einer schönen jungen Frau heran. Sie war des Vaters größter Stolz.

Als Krieg ausbrach und der Graf ins Felde ziehen musste, überließ er seine Tochter dem Burggrafen von Wolfsegg, zu dem er großes Vertrauen hatte. Der Burggraf aber war ein strenger Mann, der die lebensfrohe Tochter in düsterer Einsamkeit einschloss.

Als der junge Ritter von Wartenburg zu Besuch beim Burggrafen weilte, entbrannte er in Liebe zu der Tochter des Grafen. Und auch sie zeigte ihm schnell zärtliche Zuneigung und verliebte sich unsterblich in den Jüngling.

Als aber der strenge Burggraf die Zuneigung zwischen den beiden jungen Menschen bemerkte, schickte er die junge Frau in das Nonnenkloster zu Traunkirchen. Als der Ritter von Wartenburg dies erfuhr, erstürmte das Schloss - doch er fand es vollkommen leer vor.

Aber er gab nicht auf. Gegenüber von Traunkirchen, am Ausgang der Eisenau, an den Felsklippen am Seeufer, erbaute sich der junge Wartenburger ein kleines Schloss. Unter Tags blickte er von dem Stein, den man noch jetzt ,,Jungfernlueg‘‘ nennt, voll Begeisterung und Unruhe auf die andere Seite des tiefen Sees zum Kloster, wo seine Liebste verweilte.

Und wenn dort, am anderen Ufer, die Lichter der Andacht erloschen und tausende von Sternen sich im See wie ein glitzerndes Fischernetz aus zartem Licht spiegelten, machte sich der junge Mann auf den Weg. Mit kräftigen Zügen teilte er die Wogen und schwamm auf einen hellen Lichtstrahl zu, denn von der anderen Seite aus wies ihm die Tochter des Grafen mit Kerzenlicht den Weg durch den kalten See. Und so fanden die Liebenden jede Nacht zueinander.

Doch an einem Abend brach ein heftiger Sturm aus. Der junge Ritter kämpfte gegen die sich auftürmenden Wellen an und wusste, solange er das Licht am anderen Ufer sah, konnte er mit der Kraft seiner Liebe zu seinem Mädchen durch den Sturm schwimmen. Doch der kalte Wind der Nacht löschte das Licht aus.

Der junge Ritter kämpfte gegen die Gewalt des Sturmes an, doch die Wellen drückten ihn in eiskalter Umklammerung tiefer ins dunkle Nass. Ein letztes Mal bäumte er sich gegen die Naturgewalten auf, dann verließ ihn alle Kraft und er fand in den Tiefen des Sees den Tod.

Noch ehe der Mond aus den zerstreuten Wolken des Gewitters hervorbrach, trieben die Wogen den Leichnam des Ritters an jenen Strand, an dem seine Geliebte auf einem Felsen auf ihn wartete. Als die Tochter des Grafen den entseelten Körper erblickte, stürzte sie sich voll Verzweiflung in die Tiefe.

Noch heute heißt die Stelle, wo man beide Leichen fand, der ,,Antles Ort‘‘ und der Stein, von welchem die junge Frau sich hinabgestürzt haben soll, der ,,Jungfernsprung‘‘.

Die traurige Sage der unglücklichen Tochter des Grafen und des Ritters von Wartenburg hat ihren Ursprung in der griechischen Mythologie. Hero war eine Priesterin der Aphrodite in Sestos am westlichen Ufer der Meerenge Hellespont. Ihr Geliebter Leander lebte in Abydos am gegenüberliegenden kleinasiatischen Ufer. In den meisten Versionen der ursprünglichen Geschichte war es eine Öllampe oder ein Leuchtfeuer, das Leander den Weg zu seiner Geliebten wies. Er ertrank, wie auch der junge Ritter, in einem Sturm. Hero stürzte sich darauf vom Turm in den Tod.

Der Ursprung der Geschichte ist nicht bekannt. Die erste ausführliche Erzählung stammt vom Dichter Ovid, der einen fiktiven Brief von Leander an Hero und deren ebenfalls fiktive Antwort verfasste. In der Neuzeit griffen viele bekannte Schriftsteller die Sage wieder auf. Christopher Marlowe schrieb ein episches Gedicht über die unglücklich Verliebten, Friedrich Schiller verfasste dazu eine Ballade und Franz Grillparzer das Trauerspiel Des Meeres und der Liebe Wellen.

© CC BY-SA 4.0-altmünster-weg-artmünster-beyondarts-app-1000

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