Der Kirchturm
Ein Turm aus romanischer Zeit
"Man sieht nur, was man weiß" heißt es schon bei Johann Wolfgang von Goethe. In diesem Sinne schauen wir auf Details, die den Bauwerken ihr unverwechselbares Gesicht geben und dem Betrachter so manches über ihre Entstehungszeit verraten.
Der Turm ist neben dem Taufbecken der letzte architektonische Rest aus der Zeit der Romanik. Leicht zu erkennen an den Rundbögen, Rundbogenfenstern und Wänden aus wuchtigen Steinmassen.
Die unteren drei Geschoße mit vier Meter dicken Mauern sind quadratisch, das vierte – mit Mauern von nur mehr zwei Metern Dicke – verjüngt sich zu einem achteckigen Geschoß mit vier romanischen Rundbogenfenstern als Schallöffnungen für die Glocken. Den Abschluss bildet ein Pyramidenhelm mit achtflächigem, spitz zulaufendem Dach, darauf eine Kugel mit Wetterhahn als Symbol der Wachsamkeit.
Die vielen Löcher, auffallend durch ihre horizontale Ausrichtung auf gleicher Höhe in einem Abstand von etwa eineinhalb Metern, sind die Überreste eines wandernden Gerüstes, die Arbeitsplattform für Maurer und Steinmetze zur Errichtung des Turmes. Im Mittelalter mauert man vom Boden aus so weit hoch, wie die Arme der Maurer reichen, spart dann oben Löcher aus und schiebt Balken in das Mauerwerk ein, auf denen die Gerüstbretter aufliegen.
Reicht die Armhöhe zum Mauern nicht mehr aus, steckt man die Balken weiter nach oben, nachdem diese aus den unteren Löchern herausgezogen wurden. Da diese nun nicht mehr erreichbar sind, bleiben die Löcher offen, noch heute beim romanischen Turm der Kirche in Altmünster zu sehen. Der wichtigste Vorteil der wandernden Gerüste gegenüber der Gesamteinrüstung über die ganze Höhe liegt im sparsamen Umgang mit Bauholz, das im Mittelalter äußerst kostbar ist.
Nicht alle Gerüste sind so solide konstruiert, wie sie Viollet-le-Duc in seiner "Encyclopédie médiévale" zeichnet, denn es kommt immer wieder zu schweren Arbeitsunfällen. So stürzt der Baumeister der Kathedrale von Canterbury, Wilhelm von Sens, 1178 von jenem Gerüst, von dem aus er die Bauarbeiten dirigiert.
Ein ähnliches Schicksal sollte der Baumeister des Turmes von Altmünster erfahren. Die Legende berichtet, dass der angeblich heidnische Baumeister mit dem Mauerwerk unzufrieden war und in der Nacht das tagsüber Aufgemauerte wieder abträgt. Während einer Gewitternacht trifft ihn ein Blitz und bei seinem Sturz in die Tiefe wird ihm der Kopf abgetrennt. Zum Andenken an ihren Baumeister erschaffen die Arbeiter einen Kopf aus Stein und platzieren ihn an der Südseite des Turms, wo er heute noch zu sehen ist.
Der Bau der unzähligen Kirchen verschlingt ganze Wälder. Man braucht Holz nicht nur für die Gerüste und Leitern, sondern auch für die riesigen Dachstühle. Für die Einstellung des Kathedralbaues im Spätmittelalter führen nicht nur die Unruhen der Reformationszeit und wirtschaftlicher Niedergang, sondern auch der gravierende Holzmangel nach dem rücksichtslosen Abholzen der Wälder.
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