Das Epitaph Herberstorff
Vom Wendehals und Kriegsgewinnler
Zwei Bauern knien auf dem Boden unter einer mächtigen Eiche. Angst flackert in ihren Augen. Sie würfeln. Der Einsatz, ihr Leben. Hinter ihnen stehen Soldaten des Statthalters Herberstorff. Das Spiel ist entschieden. Der eine Bauer geht frei. Der zweite wird abgeführt und gehängt.
Ein zynisches Spiel um Leben und Tod, das man sonst nur aus dystopischen Filmen wie Hunger Games oder Squid Game kennt, ereignet sich unter der brutalen Herrschaft des Grafen Herberstorff, Statthalter des Herzogs von Bayern in Oberösterreich.
Das Vorspiel beginnt in Böhmen: Herberstorff, erzogen als Protestant, tritt aus Karrieregründen zum Katholizismus über. Als 1619 der Dreißigjährige Krieg beginnt, nimmt Herberstorff an der Schlacht am Weißen Berg teil, bei der die böhmischen Protestanten eine vernichtende Niederlage erleiden. Beim darauffolgenden Prager Blutgericht werden 27 protestantische Adelige und Bürger vor Publikum gefoltert, gehängt oder enthauptet. Ihre Köpfe werden aufgespießt und auf dem Altstädter Brückenturm zur Schau gestellt.
Ab jetzt beginnt sich die Sache für Herberstorff zu lohnen. Er bekommt die enteigneten Besitztümer des protestantischen Adeligen Hruška von Březno, in Oberösterreich das Schloss Ort von den Scherffenbergs und die Besitzungen der Jörger von Tollet. Böhmen wird ab sofort zum habsburgischen Erbreich erklärt und rekatholisiert.
Dasselbe Spiel geht weiter: „Ich will lieber über eine Wüste herrschen“, gelobt Ferdinand II., „als die Ketzerei zu dulden“. Er verpfändet Oberösterreich an Bayern, um seine Kriegskasse zu füllen und den Bayernherzog Maximilian zum Kriegseintritt zu bewegen.
Festgehalten im Vertrag zu München, als „Magna Charta der großen katholischen Allianz“ bezeichnet, verpflichtet sich Kaiser Ferdinand II., mit seinem gesamten Besitz für alle dem bayrischen Herzog Maximilian aus der Kriegführung gegen die Protestanten entstehenden Schäden zu haften und ihm die Feldzugskosten zu ersetzen.
Herberstorff wird Statthalter von Oberösterreich, erhöht die Abgaben, entsendet Steuereintreiber und katholische Pfarrer aus Südtirol, die auf Italienisch predigen. Die Bauern sollen die Hauptlast des Krieges tragen, sie rebellieren und belagern Schloss Frankenberg. Da ihnen Gnade versprochen wird, geben die Aufständischen die Belagerung auf. Auch Herberstorff verspricht Gnade und zitiert 5000 Männer der Grafschaft auf das Haushamerfeld bei Vöcklamarkt. Von den 36 mutmaßlichen Rädelsführern werden die Hälfte nach Herberstorffscher Manier „begnadigt“: Sie dürfen um ihr Leben würfeln. Der Sieger geht frei, der Verlierer wird ohne gerichtliches Verfahren sofort gehängt.
Diese drastische Strafaktion hat nicht die von Herberstorff erhoffte Wirkung, sondern wird zum Auslöser eines sorgfältig geplanten Bauernaufstandes in Oberösterreich, der im Mai 1626 losbricht.
Die Bayern zu vertreiben und Oberösterreich dem Kaiser zurückzugeben, ist Ziel des Aufstandes. Die Bauern schicken eine Delegation zum Kaiser, dieser empfängt sie jedoch nicht. Die Bauernrevolte richtet sich nicht gegen den Habsburger, sondern allein gegen die brutale Durchführung der Gegenreformation und gegen die drückende bayerische Pfandherrschaft. 40.000 Bauern des Landes ob der Enns greifen zu den Waffen, erobern Wels, Steyr, Kremsmünster, Freistadt und belagern Linz. Sie fügen Herberstorff schwere Verluste zu. Erst Ende 1626 können durch das Zusammenwirken der österreichischen und bayrischen Truppen die Bauern in zwei Schlachten geschlagen werden. Es ist ein Gemetzel, bei dem über 12.000 Bauern ihr Leben lassen, allein am 15. November 1625, in der Schlacht bei Pinsdorf, sind es 2.000. Ein Denkmal auf dem Bauernhügel an der Straße zwischen Gmunden und Pinsdorf erinnert daran.
Herberstorff wird von der katholischen Propaganda, nachzulesen in der Chronicon Lunaelacense, der Mondseer Chronik, auf Seite 373, als mildtätig beschrieben:
„Sed & Herberstorffius aggrestium animos demereri beneficiis, placare
clementia, faucios vulneribus obligatis, captivos donis liberaliter cultos dimittere,…
„Aber Herberstorff, der ihre Gemüter (der Gefangenen) durch Wohltaten aufgeheitert und mit Milde besänftigt hatte, verband ihre Wunden, entließ die Gefangenen mit großzügigen Geschenken…“
In der Pfarrkirche von Altmünster, in der Allerheiligen Kapelle steht das Epitaph von Herberstorff aus rotem Marmor. Es zeigt das Relief dieses einst gefürchteten Mannes, getreu nach einem Porträt in Lebensgröße und in voller Rüstung. An den vier Ecken befinden sich seine Wappen und umlaufend die Inschrift, die Sie im Text nachlesen können:
"Adam Graf von Herberstorff, Ritter, Herr der Grafschaft Orth am Traunsee, Röm. Kais. Kön. Majestät geheimen Raths und Landeshauptmann in Österreich ob der Enns, auch Sr. fürstl. Durchlaucht in Bayern gewesten General-Wachtmeister und Obrist zu Roß und Fuß etc. etc. starb anno 1629 den 11. Sept. zwischen 7 und 8 Uhr abends sanft und selig in Christo Jesu unsern Erlöser und Seligmacher, seines Alters im 46. Jahr. Welcher ein große Seyln und Beschützer der heiligen Kathol. Kirche gewest. Dem Gott genad."
Ob Herberstorff, so wie die Inschrift vorgibt, vor Gott tatsächlich Gnade gefunden hat, werden wir allerdings nie erfahren.
© beyondarts-altmünster-weg-artmünster-app-1000