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    Billroth Denkmal

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    Billroths Antisemitismus

    Billroth war 1867 - ein Jahr nach der Niederlage der Habsburger in Königgrätz - mit einem hochdotierten Gehalt nach Wien berufen worden. Er fühlte sich als deutscher Minderheitenrepräsentant und beklagte schon 1871: "Wir Deutschen sind hier ja nur geduldet, der Staat wird ja immer slavischer und ungarischer". (Billroth zit. n. Werner Michler 1999, 62)
    Er publizierte 1875 das Buch "Über das Lehren und Lernen der medicinischen Wissenschaften an den Universitäten der Deutschen Nation", eine frühe kulturhistorische Studie mit seitenlangen antisemitischen Polemiken gegen jüdische Studierende aus Galizien und Ungarn und wurde zum Apologeten des "neuen" Rassenantisemitismus:

    "Dass bedeutende Menschen aller Zeiten und aller Nationen sich in den großen allgemeinen menschlichen Fragen stets sympathisch begegnen werden, ist klar, doch eben so klar ist mir auch, dass ich innerlich trotz aller Reflexion und individueller Sympathie die Kluft zwischen rein deutschem und rein jüdischem Blut heute noch so tief empfinde, wie von einem Teutonen die Kluft zwischen ihm und einem Phönizier empfunden sein mag". (Billroth, Über das Lehren, 154)
    Schon zuvor bestritt er, dass Juden je "deutsch-national" werden könnten – es fehlten ihnen seiner Überzeugung nach die "deutschen Empfindungen und das spezifische Verhältnis zur mittelalterlichen Romantik und zur Antike". (Billroth, Über das Lehren, 154)

    Die antisemitischen Äußerungen, gefeiert von Deutschnationalen und Anlass für öffentliche Gegendebatte, führten ab 1875 zu ersten gewaltsamen antisemitischen Ausschreitungen an der Universität Wien. Billroth war sehr überrascht und versuchte seine Aussagen teilweise zurückzunehmen. Selbst im antiliberalen deutsch-nationalen Leseverein, der Billroth ursprünglich in Schutz genommen hatte, argumentierte Victor Adler (1852—1918) gegen Billroths antisemitische Polemik und betonte die Assimilationsthese, die Bedeutung der Juden für die deutsche Nationsbildung.

    In diesem Kontext wurde Billroth sowohl im Austrofaschismus wie im Nationalsozialismus gewürdigt.