Der Maler
Die auf dem Bild dargestellte Figur des Malers weist einige Besonderheiten auf: sie trägt mit Schlitzwams und Barrett Kleidungsstücke eines Mannes von Stand und Bildung. Ähnlichkeiten der Figur mit jener auf Vermeers Gemälde „Bei der Kupplerin“ legen eine Selbstdarstellung nahe.
Viel interessanter ist jedoch, dass Vermeer in seinem Werk die Gesetze der Perspektive bewusst gebrochen hat: setzt man nämlich die Schuhgröße des sitzenden Malers und die Bodenfliesen in Beziehung, so haben letztere eine Länge von ca. 27 cm. Die Diagonale der Fliesen beträgt daher ca. 38 cm. Das ergibt für den sitzenden Maler eine Größe von etwa 137 cm. Er hätte demnach eine Körpergröße von über 190 cm: für die damalige Zeit höchst ungewöhnlich.
Misst man nun mit derselben Maßeinheit die stehende Clio, so wäre das Modell ebenfalls nur etwa 137 cm groß. Schnell wird deutlich, dass Vermeer die mathematische Perspektive wesentlich verändert hat: da das Modell vom Betrachter knapp doppelt so weit entfernt ist, wie der Maler, dürfte Clio, bei einer Körpergröße von 137 cm, realistisch dargestellt nur etwa halb so groß sein. Modell und Maler haben aber beinahe dieselbe Größe.
Und trotz all dieser Veränderungen wirkt die dargestellte Szene auf den ersten Blick durchaus realistisch. Und sie führt darüber hinaus die von Kunsthistorikern oft geäußerte Vermutung, Vermeer hätte als Vorlage zur Erstellung des Bildes die Reproduktionstechnik einer Lochkamera genutzt, ad absurdum: eine Lochkamera liefert ein um 180 Grad gedrehtes, jedoch völlig größenrealistisches Abbild.
Im unteren Randstreifen der Karte, unmittelbar rechts neben dem Kragen von Clio, hat Vermeer seine Signatur platziert. Diese Signatur ist die größte, die er jemals auf einem seiner Bilder hinterlassen hat. Vielleicht, weil „Die Malkunst“ mit Maßen von 100x120cm auch sein größtes Gemälde ist.