Das Modell

Das Modell

Zieht man die berühmte Iconologia von Cesare Ripa zu Rate, so stellt das Modell in Vermeers Bild Clio, die Muse der Geschichtsschreibung, dar. Optisch definiert sich Clio über ihre Beziehung zur Landkarte: der Kragen ihres Kleides geht nahtlos in den unteren Rand der Karte über.

Historisch gesehen ist die Beziehung zwischen Muse und Malerei keineswegs konfliktlos. Als der griechische Dichter Hesiod seinen antiken Kanon der neun Musen aufstellt, bleibt die Malerei unberücksichtigt. Und daran hat sich auch im 17. Jahrhundert noch nichts geändert: die Malerei gehört weder zu den musischen noch den freien Künsten, Maler gelten schlicht als Handwerker. Wirtschaftlich gesehen wäre die Zuordnung zu den freien Künsten für Vermeer und seine Kollegen aber höchst interessant, da freie Künstler auch frei von Besteuerung sind.

Aber die Muse auf Vermeers Bild wirkt seltsam uninspiriert. Und das ist gewollt: sie ist eben nur das Modell, das nach Anleitung des Malers als Muse posiert. Denn die Inspiration findet in umgekehrter Richtung statt: nicht der Künstler wird von der Muse inspiriert, er inspiriert das Modell, die Muse darzustellen.

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