Die Kunst als Abwehrzauber
Klimts Frauen verraten uns die Wahrheit über die Männer
Klimts Frauen werden als Objekte des männlichen Blicks gezeichnet, nackt, zumeist in lasziven Posen, häufig mit gespreizten Beinen, das Geschlecht realistisch sichtbar. Femmes fatales und «süsse Wiener Mädel» – in Gustav Klimts Malerei spielt die weibliche Schönheit eine zentrale Rolle. Sein Frauenbild ist aber auch ambivalent und spricht Bände über eine Epoche der Männerkrise.
Man hat das Wiener Fin de Siècle als Epoche einer «Krise der Männlichkeit» bezeichnet, nicht zuletzt durch die zunehmende Emanzipation der Frauen bedingt. Einerseits rückte die Frau in den Mittelpunkt des literarischen und künstlerischen Interesses, anderseits gab es eine Gegenbewegung zur «Verweiblichung» der Kunst, eine Art «männlichen Protests» (Alfred Adler). Extremer Exponent dieser Tendenz war der Philosoph Otto Weininger, dessen exzentrisches Werk «Geschlecht und Charakter» (1903) zu einem Bestseller und einem Kultbuch wurde. Weiningers Buch ist geprägt durch Abwertung des Weiblichen bei gleichzeitiger Betonung von dessen erotischer Gefährlichkeit. Das «Weib» ist «Natur», zu der es den Mann herabziehen will. Der Mann muss deshalb asketisch, sexuell enthaltsam werden.
Auch im Werk Klimts finden wir derartige Gedanken wieder: die Ambivalenz von erotischer Verführung und Gefährlichkeit der Frau, ihre Reduktion auf Natur und ihre Spaltung in mütterliche Ikone und Lustobjekt. Die Frauenfrage und die Frage nach der weiblichen Erotik wurde solcherweise ästhetisiert und entschärft: Kunst als Abwehrzauber. Auf sexuelle Enthaltsamkeit hat Klimt freilich verzichtet.
Am deutlichsten ist Klimts Bezug auf ein restauratives Frauenbild in zwei zur selben Zeit geschaffenen Bildern, «Danaë» und «Der Kuss», beide 1907/1908 entstanden. Klimt hat die mythologische Figur der Danaë, die von Zeus in Gestalt eines Goldregens begattet wird, aus ihrem historischen Zusammenhang herausgerissen, sie als weibliches Wesen gezeigt, das sich einer passiv-lasziven, allein auf den Mann bezogenen Sinnlichkeit hingibt.
Zitiert in Ausschnitten aus Neue Zürcher Zeitung,
Artikel von Manfred Clemenz