Throhnende Madonna
Das mittlere Gewölbe
Nach dem Niedergang des Karolingerreichs wurde das Heilige Römische Reich unter der sächsischen Dynastie der Ottonen wiederhergestellt. Dies führte zu einem erneuten Glauben an die Idee des Reiches und einer reformierten Kirche. In einer Atmosphäre kulturellen und künstlerischen Eifers entstanden Meisterwerke, in denen spätantike, karolingische und byzantinische Vorbilder miteinander verschmolzen: die Fresken von Lambach kann man der spätottonischen Kunst zurechnen, durchaus bestimmt für ein breiteres Publikum, insbesondere für Pilger.
Um das Jahr 1000 entsteht in vielen Werken eine auffallende Intensität und Ausdruckskraft. Eine feierliche Monumentalität mit lebendiger Innerlichkeit, einer visionären Qualität mit scharfer Aufmerksamkeit für die Realität. Die Werke vereinen Oberflächenmuster aus fließenden Linien und reichen, leuchtenden Farben mit leidenschaftlichen Gefühlen.
Wille und Tat, seelische Intensität und tiefe Strahlkraft scheinen diese Figuren zu bestimmen. Sie sind Gefäß religiöser Macht. Diese Malerei zeigt sich als eine alte Kunst, eher ein Ende und nicht als ein Anfang. Tatsächlich hatte diese Kunst keine Zukunft; sie konnte nur altern, sich aber nicht entwickeln – so großartige Werke sie auch noch bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts hervorbrachte.
Die malerische Ausstattung der Gewölbe und Wände des Westchores stellte wahrscheinlich nur einen Teil einer Gesamtausstattung der Stiftskirche dar. Die bemalte Fläche des Westchores umfasst etwa 200 Quadratmeter. Die Darstellungen aus der Kindheits- und Jugendgeschichte Christi, die sich im Westchor erhalten haben, setzten sich wohl im Kirchenschiff und dem vorauszusetzenden Ostchor mit einem weiteren christologischen Zyklus fort. Auch die Westchorfresken - es handelt sich um Fresken mit Secco-Auflage sind nicht vollständig erhalten.
Im mittleren Gewölbe sind mehrere Szenen dargestellt. Das Zentrum, zumindest im religiösen Sinn, ist die Darstellung der thronenden Madonna mit Jesuskind. Hinter dem Thron Marias stehen zwei Frauen ohne Nimbus, wohl die beiden Hebammen eines lateinischen Magierspiels (die heiligen drei Könige), dessen aus dem frühen 11. Jahrhundert stammendes Manuskript sich seit der Gründung des Klosters in Lambach befindet und bei der Gestaltung des Magierzyklus eine wesentliche Rolle gespielt zu haben scheint. Die Deutung einer dritten Figur, die auf der linken Seite von Maria steht, ist ungewiss.
Links des Thrones ist der Zug der Magier dargestellt, dessen Vorbilder in frühchristlichen Werken zu finden sind. Deren rundrückige Figuren mit ihrem seltsam schleichenden Schritt wirken noch ganz ottonisch. Rechts davon weckt ein Engel die Magier und mahnt zum Aufbruch. Die ottonische Malerei pendelt immer zwischen den beiden Polen, denen auch das Geschick dieser Zeit verhaftet war: dem diesseitigen und dem jenseitigen Leben. In Lambach finden wir Darstellungen, die in der Ikonologie – sie deutet die symbolischen Formen eines Kunstwerks – des mittelalterlichen Abendlandes selten auftreten.
In den vier Eckzwickeln ist als Zeichen für Christus, Maria und die beiden Kirchen je ein brennender Dornbusch zu erkennen.