Die Rückkehr aus Ägypten
Ein weiterer göttlicher Befehl
Auf der Ostwand sind zwei Themen dargestellt. Links Der Traum Josefs, in dem ihm der Engel die Aufforderung überbringt, von Ägypten nach Palästina zurückzukehren. Die rechte Hälfte der Wand zeigt die Szene der Rückkehr aus Ägypten. Rechts vorne schreitet Josef, gefolgt von seinem Sohn Jakobus mit geschultertem Reiseproviant. Den Abschluss bildet Maria mit dem Kind, auf dem Esel reitend. Der Bildtypus, ebenso wie der Traum Josefs links daneben, ist identisch mit dem byzantinischen Schema für die Flucht nach Ägypten, mit Ausnahme der Frauengestalt ganz links.
Nach dem Matthäusevangelium musste die Familie nach Jesu Geburt auf Befehl eines Engels, den Josef im Traum erhielt, aus Betlehem nach Ägypten fliehen, da König Herodes aus Angst vor dem ihm prophezeiten neugeborenen König der Juden, der ihn verdrängen würde, alle Kleinkinder in Betlehem töten ließ. Dieser Kindermord in Betlehem ist allerdings in anderen Quellen nicht belegt. Später zog die Familie auf göttliche Weisung, die Josef wiederum im Traum erhielt, nach Palästina zurück. Allerdings ließen sie sich nicht in Judäa, wo Betlehem liegt, sondern in Galiläa im Dorf Nazareth nieder, wo Jesus aufwuchs.
Wie verhält es sich mit der Stellung des Künstlers im Mittelalter, da wir von byzantinischen Vorbildern und von der Umsetzung religiöser Programme sprechen, die nicht von den Künstlern, sondern von Theologen erarbeitet wurden. Bei den Fresken von Lambach könnte Adalbero der Autor des Programms gewesen sein, auch deswegen, da die Szene mit den Magieren auf ein lateinisches Magierspiel aus dem frühen 11. Jahrhundert verweist und dessen Manuskript sich seit der Gründung des Klosters in Lambach befindet.
„Artifex“ - lateinisch „wer etwas fachgemäß herzustellen versteht“ bezeichnete im Mittelalter und bis in die Zeit der Renaissance den Handwerker, der alle Arten von Bildern und Kunsthandwerk herstellt. Das Wort „artista” – „Künstler“ existierte weder im Mittelalter noch in den vorangegangenen Epochen – auch in der Renaissance noch nicht.
Ein Beispiel dafür ist Vasari, der in seiner Biografien Sammlung die florentinischen Maler und Bildhauer seiner Tage „artefici del disegno” bezeichnete – und darunter waren Meister wie Tizian, Michelangelo, Leonardo da Vinci und Raffael.
Der „artifex“ musste zwar keine Schule, aber auf jeden Fall als Lehrling ein „studio“ - Studium absolvieren und sich seine Meisterwürde verdienen. Man lernte bei einem etablierten Meister. Daher auch die Unzahl von Formulierungen, die diesen Grundsatz verdeutlichen: „fu discepolo di Piero della Francesca…“ - „war ein Schüler von Piero della Francesca ...“. Alle „artifices“ fingen als Lehrlinge in einer „bottegha“ - „Werkstatt“ an: Giotto bei Cimabue, Leonardo da Vinci bei Andrea del Verrocchio. Allein in Florenz gab es an die vierzig „botteghe di maestri di prospettiva” – „Werkstätten der Meister der Perspektive“.
Die Stellung der „artifices“ war bescheiden und mit keinerlei besonderen Würden verbunden. Sie waren zunächst nichts anderes als Produzenten von Gebrauchsgegenständen und in Zünften mit festen Statuten zusammengeschlossen. Den isolierten Künstler, der in der Einsamkeit seines Ateliers für sich selbst arbeitet – diese Gestalt gab es nicht.
Nur wenige Namen von „artifices“ des Mittelalters sind überliefert. Wobei der Begriff „artista” – des Künstlers, so wie wir ihn heute verstehen und der sich erst in der späten Renaissance entwickelte – also vor etwa 600 Jahren – im Mittelalter nicht existierte.
Die mittelalterliche Kunstauffassung gestattete es nicht, im Werk die persönliche Handschrift der „artifices“ zu entdecken. Die damals übliche Unterbewertung der handwerklichen Künste wie jene der Bildhauer oder Maler, ließ keinen Anspruch auf persönlichen Ruhm entstehen. Dennoch hatten die Künstler-Handwerker des Mittelalters ein Bewusstsein von Würde, wenngleich religiöse und soziale Umstände dazu beitrugen, Demutshaltungen und eine Neigung zur Anonymität zu fördern.
Man darf nicht vergessen, dass die Arbeiten der bildenden Kunst immer Teil einer Gemeinschaftsarbeit wie einer Kirche oder eines Palastes waren. Das Maximum an persönlichem Zeugnis, das Künstler-Handwerker von sich hinterlassen konnten, waren die Erkennungszeichen auf den von ihnen bearbeiteten Steinen. Der Miniaturen Maler ist in der Regel ein Mönch und der Maurermeister oder Freskenmaler ein an die Gilde gebundener Handwerker. Beide waren so gut wie immer entweder an ein klösterliches oder ein an das aristokratische Leben gebunden. Und als Kloster- oder Hofkünstler durchaus geschätzt.
Um den Bogen zur Gegenwart zu spannen: auch heute neigt ja der unaufmerksame Betrachter, der nicht auf den Vor- oder Abspann eines Filmes achtet, dazu, diesen als anonymes Werk zu betrachten. Nicht Autor, Regisseur und Aufnahmeteam, sondern Handlung und Darsteller bleiben im Gedächtnis.