Josefs Traum
Eine göttliche Botschaft
Ein Engel berührt den Nimbus, den Heiligenschein des schlafenden Josef. Er teilt den Tod von Herodes mit. Gedeutet wird dies als Aufforderung zur Rückkehr aus Ägypten nach Palästina. Die Familie kehrt allerdings nicht nach Judäa, nach Bethlehem, dem Geburtsort Jesu zurück, sondern lässt sich in Galiläa, im Dorf Nazareth nieder, wo Jesus aufwächst.
In der Hand hält der Engel ein langes, sehr zartes Szepter, Zeichen dass er Überbringer einer Botschaft ist. Seine Tunika, ein römisches Kleidungsstück, bestand ursprünglich aus zwei rechteckigen Stoffstücken, die nur auf den Schultern mit Hilfe von Fibeln zusammengehalten wurden. Verbreiteter war die an den Schultern und den Seiten zusammengenähte Tunika, später wurden kurze Ärmel üblich. Bemerkenswert sind auch die schmalen Purpurstreifen der Toga, das Standeszeichen römischer Ritter.
Die Komposition des Bildes beruht auf einem byzantinischem Bildschema, mit Ausnahme des „weströmischen“ Bettgestells und der Tatsache, dass der Engel auf dem Bett zu stehen scheint und nicht wie in der byzantinischen Tradition über dem Bett schwebend. Die Modellierung der Körper in der Malerei der westlichen Romanik beruht auf der Zerlegung des Körpers in einzelne Teile. Und diese hat in den Lambacher Fresken eine prägnante, lapidare Klarheit erreicht.
Die Körper scheinen aus vielen Segmenten zu bestehen, aus gewölbten Ringen, durch tiefe Kerben getrennt, ähnlich Insektenkörpern; und die gefächerten Gewänder erinnern oftmals an Insektenflügel. Die Formzerlegung geht bis ins Kleinste: an die Stelle kontinuierlicher Modellierung tritt ein lineares, graphisches Element. Schichtlinien umschreiben die Formen und arbeiten sie plastisch heraus. Ein abstraktes Spiel, das ornamentale Zeichen produziert. Die naturalistische Nachahmung, wie wir sie von spätantiken Darstellungen kennen, wird durch Zeichen ersetzt.
Auch die Reste illusionistischer, nachahmender Lichthöhungstechnik werden graphisch behandelt: helle Lichtflecken sind von Bündeln immer dünner werdender weißer Linien umgeben und klingen allmählich aus. Diese hochspezialisierten Formen weisen ebenfalls darauf hin, dass es sich hier nicht um eine junge, sondern bereits am Anfang des 12. Jahrhunderts - um eine sehr alte Kunst handelt.