Das Konzert des Frosches
Eine ökokritische Kurzgeschichte
Es war einmal ein großer Wald, in dem viele Tiere lebten. In der Mitte des Waldes war ein Teich und in der Mitte des Teiches war ein großer Stein, auf dem jede Nacht Opernsänger Frosch für sein Vollmondkonzert probte.
Denn an jedem Vollmond versammelten sich alle Tiere am Teich, um dem Konzert von Opernsänger Frosch zu lauschen. Niemand sang so schön wie Opernsänger Frosch und niemand tanzte so elegant wie er.
Nur mit den Liedtexten tat er sich schwer. Doch dafür hatte Opernsänger Frosch einen hilfreichen Partner: Meister Molch. Obwohl Meister Molch die tieferen, kühleren Stellen im Teich vorzog, kam er jeden Morgen zum Stein und dichtete Liedtexte für Opernsänger Frosch. Zusammen feilten sie an den Liedern, den Melodien und den Choreografien.
Meister Molch strahlte über beide Ohren (obwohl er gar keine Ohren hatte, sondern Ohrendrüsen), wenn Opernsänger Frosch seine Liedtexte in verzaubernde Gesänge verwandelte. Und Opernsänger Frosch schwärmte für Meister Molch und seine Ideen. Sie waren ein unzertrennliches Paar.
So kam es, dass wieder einmal Vollmond war. Alle Tiere des Waldes versammelten sich am Teich. Die Igelfamilie saß ganz vorne am Ufer, da sie die kleinsten Gäste waren. Hinter ihnen nahmen die Eichhörnchen Platz, die untereinander Nüsse verteilten (anders als im Kino, war es erlaubt Essen mitzubringen).
Auf den Ästen der Bäume saßen Spatzen, Rotkelchen und Eulen. Und auf der Wiese vor dem Teich machten es sich Füchse, Wildkatzen, Wölfe und Rehe gemütlich. Denn in der Nacht, wenn Opernsänger Frosch sein neuestes Konzert gab, waren alle Feindseligkeiten unter den Tieren vergessen.
Als Letzte kam die Hasenkönigin mit ihrem Gefolge. Am Ende jedes Konzertes überreichte sie Opernsänger Frosch und Meister Molch die zwei schönsten Blumen, die sie am Tag zuvor finden konnte. Denn sie war deren größter Fan.
Der Mond erleuchtete den Teich wie ein Scheinwerfer die Bühne im Theater. Alle Gäste waren da. Meister Molch tauchte auf und setzte sich neben die Igelfamilie ins Gras. Das Publikum applaudierte. Opernsänger Frosch hüpfte mit einem dramatischen Sprung auf den Stein und begann das Konzert.
Heute sang er über den Mond und die glitzernden Sterne, über ihre Geheimnisse, die sie in ihren weitentfernten Lichtern verbargen. Er sang über Sternschnuppen, die in den Unendlichkeiten des Nachthimmels davongaloppierten und über all die Wünsche, die sie mit sich trugen.
Nach dem letzten Lied ertönte ein ohrenbetäubender Applaus. Opernsänger Frosch und Meister Molch hatten es wieder einmal geschafft! Die Hasenkönigin überreichte Meister Molch eine blaue und eine lila Blume. Meister Molch schwamm zum Felsen im Teich und überreichte Opernsänger Frosch die lila Blume. Die beiden Künstler umarmten sich innig und die Tiere applaudierten erneut. Zusammen feierten sie bis in die frühen Morgenstunden.
Am nächsten Tag, als sich normalerweise alle Tiere von dem Konzert erholten, wurden sie von einem dröhnenden Lärm geweckt. Rauch stieg am Waldrand auf. Eiserne Maschinen, die Ruß und Dampf ausspuckten, sägten und rissen Bäume nieder. Der Wald war in Gefahr!
Die Vögel waren die ersten, die die Flucht ergriffen, denn sie konnten ganz einfach davonfliegen.
Eine der weisen Schleiereulen landete am Teich: ,,Haltet euch an meinem Gefieder fest und kommt mit mir! Die Menschen sind mit ihren Maschinen gekommen! Der Wald wird vernichtet!‘‘
Meister Molch und Opernsänger Frosch sahen sich ängstlich an. Doch sie hatten noch Hoffnung. Meister Molch antwortete: ‚,Sie werden bestimmt nicht den ganzen Wald roden. Der Wald ist groß. Die Menschen können doch nicht so gierig sein.‘‘
‚,Außerdem können wir nicht mit dir davonfliegen‘‘, fuhr Opernsänger Frosch fort. ,,Unsere Haut ist dünn und nass. Wenn wir durch die Luft fliegen, werden wir bestimmt erfrieren. Wir haben keine Federn so wie du.‘‘
Die Schleiereule verneigte sich vor dem Paar, breitete ihre Schwingen aus und folgte den anderen Vögeln. An diesem Tag verstummte das Gezwitscher der Vögel und weitere Bäume fielen.
In den nächsten Tagen verschwand mehr als die Hälfte des Waldes.Die Abgase der Maschinen verschmutzten den Teich und Meister Molch und Opernsänger Frosch begannen zu husten.
Wölfe, Rehe, Füchse, Wildkatzen, Igel und Eichhörnchen verließen den Wald. Nach ein paar Wochen stand nur noch eine Reihe von Bäumen am Teich. Die Sonne brannte auf den staubigen Boden. Der Teich war schlammig und verdreckt.
‚,Kommt mit mir!‘‘, rief Königin Hase vom Teichufer aus. ,,Ihr könnt euch an meinem Fell festhalten und zusammen suchen wir einen neuen Wald und einen anderen Teich.‘‘
‚,Wir wünschten, dass wir das tun könnten!‘‘, bedauerte Opernsänger Frosch. ,,Aber ohne die Feuchtigkeit des Waldes und der Nässe des Teichwassers können wir nicht atmen und nicht überleben.‘‘
,,Wir würden ganz einfach vertrocknen,‘‘ fuhr Meister Molch fort. ,,Wir haben kein Fell wie du, das uns vor der Sonne schützt!‘‘
‚,Ich werde euch vermissen!‘‘, rief die Hasenkönigin. ,,Ich werde mich auf ewig an eure Konzerte erinnern!‘‘
Ein letztes Mal legte die Hasenkönigin zwei Blumen an den Teich. Es waren die letzten, die sie gefunden hatte: Eine blaue und eine lila Blume. Dann verließ sie den Wald mit ihrem Gefolge.
Am nächsten Abend war der Teich so gut wie ausgetrocknet. Die Maschinen der Menschen fällten die letzten Bäume. Der Lärm war unerträglich und Opernsänger Frosch und Meister Molch umarmten sich innig. Sie erinnerten sich an all die schönen Konzerte und kühlen Nächte im Wald. Brust an Brust gedrückt, war das Letzte, was sie hörten, die Schläge ihrer Herzen, die schönste Melodie, die sie je vernommen hatten.
Weit entfernt in einem anderen Wald blickte die Hasenkönigin in den Nachthimmel und erspähte zwei neue Sterne am Firmament. Ein blauer und ein lila Stern. Sie funkelten schöner als alle anderen.