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    Historisches

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    Das Landesklinikum Mauer im Wandel der Zeit

    Die Landesheil- und Pflegeanstalt wurde von 1898 bis 1902 als Pavillonanlage im Jugendstil von Carlo von Boog nach modernsten medizinischen Grundsätzen und neuesten psychologischen Erkenntnissen geplant und war Vorbild für die später entstandene Heilanstalt Am Steinhof bei Wien. Während der Name des Landesbaudirektors von Boog eng mit der Heilanstalt verbunden blieb, ist der Name des ausführenden Architekten Erich Gschöpf heute weithin unbekannt.

    Die architektonische Ausführung ist bemerkenswert, da die Pläne dazu vor 1898 entstanden sind. Denn neben der weitgehenden Verwendung von Eisen- bzw. Gussbeton finden sich auch frühe Anwendungen reichhaltiger Dekorformen des Jugendstils. Zum Teil bediente sich Architekt Erich Gschöpf floraler Jugendstilformen, griff aber zusäzlich auch typische Motive der Schule Otto Wagners auf, wie etwa  Lorbeerkränze oder Engelsköpfe. Auch die weit vorragenden, flachen Dächer weisen auf Otto Wagner hin.

    Die Anlage des Klinikums Mauer wurde 1902 von Kaiser Franz Joseph feierlich eingeweiht. Der Monarch soll bei dieser Gelegenheit folgenden Satz gesagt haben„Es muss schön sein, in Mauer ein Narr zu sein.“

    Und tatsächlich stellte die offene Bauweise der Anstalt mit 19 Pavillons inmitten eines riesigen Parks einen Quantensprung in der Versorgung psychisch Kranker dar, verglichen etwa mit den barocken Asylen wie dem Narrenturm in Wien. Die verkehrstechnisch günstige Lage an der Westbahn und die enorme Aufnahmekapazität von etwa 1000 Patienten konnte neben der Versorgung Niederösterreichs auch die Betreuung von Patienten aus Wien gewährleisten.

    Im Jahr 1907 wurde Georg Rothschild, der an einer bipolaren Störung erkrankte Sohn von Baron Albert Rothschild, nach Mauer gebracht. Unmittelbar hinter dem Pflegerdorf ließ Rothschild für seinen Sohn eine eigene Villa errichten, die sich stilistisch stark an Otto Wagners Jugendstilvillen orientiert und ebenfalls Architekt Erich Gschöpf zugeschrieben wird. Die besaß auf etwa 200 m2 Grundfläche eine Halle mit Veranda, einen Salon, eine Bauernstube, Speisezimmer, Schlafzimmer, Küche, Badezimmer, zwei Pflegezimmer und eine große Veranda.
    Die Wahl fiel nicht zuletzt deshalb auf den Standort Mauer, weil er auf dem halben Weg von Wien nach Waidhofen liegt, wo Rothschild umfangreiche Besitzungen besaß und gut per Bahn erreichbar war. Georg Rothschild verbrachte dort mehr als 30 Jahre, ständig betreut von einem Arzt und drei Wärtern, was Ende der Zwanziger Jahre immer mehr Unmut hervorruf, da das Land Niederösterreich den Großteil der Kosten dafür zu tragen hatte. Georg Rothschild starb 1934 an Demenz, 1975 wurde die Villa abgerissen.

    Mit dem "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich 1938 wurde Mauer-Öhling bald zu einem Ort von NS-Kriegs- und Medizinverbrechen. Zwischen Juni 1940 und August 1941 wurden bis zu 1.600 Patientinnen und Patienten in der Tötungsanstalt Schloss Hartheim bei  Linz durch Gas ermordet. Auch danach wurde weiter gemordet. Man schätzt, dass insgesamt 2700 Patienten der Klinik durch Vergasen, Elektroschocks, Vergiften und systematisches Verhungernlassen ermordet wurden.

    Heute beherbergt das Landesklinikum neben der psychiatrischen Abteilung Einrichtungen für Abhängigkeitserkrankungen, forensische Psychiatrie, Neurologie sowie Kinder- und Jugendpsychologie.