20 Jahre Forensische Pflege im LK Mauer
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Ausgabe 02

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20 Jahre Forensische Pflege im Landesklinikum Mauer

 

Die forensische Psychiatrie erregt immer wieder das öffentliche Interesse. Thematisch geht es um die Therapiemöglichkeiten psychisch kranker Rechtsbrecher und deren Gefährlichkeitseinschätzung. Die forensische Abteilung im Landesklinikum Mauer wurde im Jänner 1999 mit 15 Betten eröffnet. Das war der Beginn und gleichzeitig Auftrag, dass sich die psychiatrische Pflege für die Betreuung von forensischen Patienten spezialisieren musste! 2006 übernahm ich die Stationsleitung von der inzwischen größer gewordenen Forensik mit 30 Patientenbetten. Diese teilte sich in zwei Stationen, nämlich in eine Aufnahmestation und in eine Rehabilitationsstation. Sehr schnell wurde mir klar, dass wir ein zusätzliches  Pflegefachwissen für die forensische Psychiatrie benötigen, um unsere Patienten besser verstehen und betreuen zu können, sodass die Pflegequalität optimal gesteigert werden kann. Somit ergab sich die Möglichkeit, dass einige Kollegen aus meinem Pflegeteam und ich die erste forensische Weiterbildung, speziell ausgerichtet für die Pflege, am Neuromed Campus Kepler Universität, ehemals LK-Wagner Jauregg, in Linz absolvieren durften. Einige Schwerpunkte dieser 380 Stunden Ausbildung waren die Erweiterung der sozialen, pädagogischen und psychologischen Kompetenzen als auch der speziellen Fachkompetenz sowie die rechtlichen Grundlagen des Maßnahmenvollzuges! Aus dieser Weiterbildung heraus  folgten viele praktische Umsetzungen in den Pflegealltag. Eine nennenswerte Veränderung war das Initiieren der Bezugspflege. Ein wichtiger Grundstein in der speziellen forensischen Pflege war gelegt. In weiterer Folge wurden engmaschig stattfindende Pflegeteambesprechungen eingeführt und somit konnte rasch das erworbene Spezialwissen flächendeckend an alle Kollegen weitergegeben werden. Danach folgte  die verpflichtende Teilnahme aller Mitarbeiter am Deeskalationsseminar, wobei ein Mitarbeiter der Station zuvor die spezielle Ausbildung zum Deeskalationstrainer absolvierte. Dieser Mitarbeiter ist für alle Kollegen die primäre Ansprechperson, wenn es um das Thema Sicherheit auf der Station oder spezielle Sicherheitsfragen geht. Eine daraus resultierende, äußerst positiv zu erwähnende Erkenntnis ist, dass die immer wieder erforderlichen Schutzfixierungen von Patienten in der Häufigkeit und Dauer deutlich reduziert werden konnten!

Ein großes Augenmerk der forensischen Pflege wird auf die sinnvolle Beschäftigung der Patienten gelegt. Diese haben die Möglichkeit, ihre Talente und Kreativität  auszuleben und statt als auch „Neues zu erlernen“. Dadurch ergibt sich eine regelmäßige Kontinuität in der Tagesstruktur der Patienten. Je nach Zustand des Patienten wird mit der Beschäftigung auf der Aufnahmestation begonnen, gefolgt von der im Haus befindlichen Kreativwerkstätte. In weiterer Folge kann dann der Patient bei stabilem Zustandsbild auch an den Aktivitäten in den Werkstätten außerhalb der Stationen teilnehmen. Alle Werkstätten werden von der Pflege geleitet. Somit ist ein wichtiger Punkt in der Behandlung  eines Patienten gegeben. Das Fördern bzw. (Wieder) Erlernen der ATL (Aktivitäten des täglichen Lebens) ist ein ­nennenswerter Schwerpunkt in der forensischen Pflege. Ein zusätzliches Angebot seitens der Pflege ist das vor 13 Jahren initiierte spezielle Sportangebot, wo die Patienten regelmäßig ihr Sportprogramm mit einem Sportpfleger absolvieren können!

Mittlerweile sind es wöchentlich 26 Stunden für aktuell 68 Patienten. An drei Tagen können ca. 50 Patienten an den sehr beliebten, individuell gestalteten Sporteinheiten teilnehmen. Ein weiterer Schwerpunkt der Pflege in der forensischen Psychiatrie am Standort Mauer ist die Case- und Caremanager Ausbildung. Diese zwei ausgebildeten Kollegen haben in Absprache mit dem gesamten Behandlungsteam primär die Aufgabe, mit den extramuralen Einrichtungen, wo Patienten von uns zum Probewohnen untergebracht sind, Kontakt zu halten. Ein übergeordnetes Ziel für die forensischen Patienten ist, nach Abklingen der Gefährlichkeit, eine Integration und somit eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft zu erreichen. Im Jänner 2018 erfolgte der erste Schritt der Übersiedelung der Patienten. Die weiblichen Langzeitpatientinnen wurden in den bestehenden renovierten Pavillon 6 verlegt. Die Übersiedlung der verbliebenen Patienten aus Pavillon 3 in das neue Haus 50 erfolgte im Juni 2018. Das Haus 50 ist mit 65 Betten ausgestattet und auf drei Stationen aufgeteilt.

In den Planungsphasen hatten wir von der Pflege  ein großes Mitspracherecht. Wir dürfen voll Stolz sagen, dass wir eine der modernsten forensischen Einrichtungen von ganz Österreich und wahrscheinlich auch über die Grenzen hinaus sind!

Durch die neuen baulichen Gegebenheiten und den damit verbundenen Sicherheitstechniken ist die Wohn- und Lebensqualität unserer Patienten um ein Vielfaches gestiegen. Moderne, helle Ein- bzw. Zweibettzimmer mit eigenem Bad und Toilette, helle Tagräume sowie stationsbezogene eigene Gartenzugänge sind nur einige nennenswerte Verbesserungen für die Patienten. Dadurch haben die Patienten mehr Rückzugsmöglichkeiten und Intimsphäre in ihren eigenen Zimmern. Sehr wichtig für mich ist  noch zu erwähnen, dass eine gute professionelle Pflege und somit eine optimale Betreuung und Behandlung unserer Patienten nur dann  gelingt, wenn die Zusammenarbeit im multiprofessionellen Team gut funktioniert. Das heißt, das uneingeschränkte An- und Aussprechen und Gehörtwerden  von allen Bedenken der oft schwerwiegenden Krankheiten und Delikte unserer Patienten mitsamt den damit verbundenen Problemen, die sehr oft mit Sicherheitsbedenken verbunden sind, ist von großer Wichtigkeit. Denn wie wir alle wissen, ist ein wertschätzender Umgang und das Begegnen auf Augenhöhe aller Berufsgruppen von großer Bedeutung. Nur so gelingt uns eine professionelle Behandlung und Betreuung unserer Patienten. Für viele Patienten in der Forensik ist es ein jahrelanger Weg bis zur Entlassung. In dieser Zeit dürfen wir  die Patienten begleiten und sie auf ein gutes Leben im „Draußen“ vorbereiten!

Zum Abschluss möchte ich einen wunderschönen Satz aus der Beziehungspflege von Hildegard Peplau, nach der unser Pflegeleitbild ausgerichtet ist, anführen:  Ein weiteres Ziel der Pflege ist die individuelle, kreative und konstruktive „Weiterentwicklung“ des Patienten, in dessen Verlauf er seine Krankheit als Chance zu Veränderung wahrnehmen kann!

Text: Anna Dollfuß