Hausindustrie und das Leben der „kleinen“ Leute
„Im Aurachthale, beginnend bei der „großen Alpe“ nächst dem Gebirgsstocke des hohen Spielberges, bis zur Ortschaft Kufhaus, an den östlichen und westlichen Lehnen des sich wallartig dahinziehenden Gras- und Gmundnerberges, bis herab zu dem Traunseeufer und dem landschaftlich märchenhaft daliegendem Traunkirchen, finden wir zerstreut größere und kleinere Häuser vor, in welchen die Holz- und Spielwaren-Verfertiger, hausend in ärmlichen Stuben, ihrem Schnitzgewerbe obliegen.”
In solch bildhafter Sprache schreibt Rudolf Nekola, Oberforstrat der k. k. Forst- und Domänendirektion in Gmunden in seinem Bericht 1882 über die Heimarbeiter in der Viechtau.
Die starke Zunahme der Bevölkerung in dieser nur begrenzt landwirtschaftlich zu nutzenden Gebirgs- und Tallandschaft stellte die Menschen vor einen täglichen Existenzkampf. Die Landwirtschaften waren klein, die Kinderanzahl in den einzelnen Familien groß, das Zuverdienen eine Frage des Überlebens. Holz war in dieser Gegend anfangs noch in reichlicher Menge vorhanden und so begannen viele Familien für Haushalt und Landwirtschaft gebräuchliche Gegenstände herzustellen und zu vertreiben. Bis Mitte des 17. Jahrhunderts wurden die Holzwaren noch im Hausierhandel durch Kraxenträger verkauft. Da die Holzentnahme in den Wäldern durch die Heimarbeiter ständig stieg, das Holz aber hauptsächlich für die Salzgewinnung bestimmt war, wurden den Viechtauern um 1700 die Hausierscheine entzogen. Doch sie fanden neue Absatzwege über Verleger, die die Waren den Salzschiffern und Holzflößern mitgaben, welche sie dann bis Russland und in den Orient verkauften.
Produktvielfalt in Millionenauflage:
1782 arbeiteten rund 600 Personen als Heimarbeiter, 1882 377 Familien mit 755 Personen. Die Produktion war in viele kleine Arbeitsschritte zerlegt und es wurde unter hohem Zeitdruck gearbeitet, ähnlich der heutigen Akkordarbeit. Der Produktionsausstoß war so hoch, dass die Viechtau als „bedeutendes Produktionszentrum von Holzwaren in der Monarchie“ gehandelt wurde. So fertigte etwa 1881 eine einzige Löffelmacherfamilie 20.800 Stück. 84 Familien waren in dieser Sparte tätig, das ergab insgesamt 1,7 Millionen geschnitzte Löffel pro Jahr. 1911 schlossen sich die Heimarbeiter zu einer Genossenschaft zusammen und beendeten die Zusammenarbeit mit den Verlegern. Die Produktpalette wurde ständig der neuen Zeit angepasst und so stellte man nach dem 2. Weltkrieg hauptsächlich handbemalte Souvenirs her. 1979 wurde die Genossenschaft aufgelöst und somit das Ende der Viechtauer Hausindustrie eingeläutet. Heute werden im Heimathaus wieder originalgetreue Docken, also kleine gedrechselte Holzpuppen, gefertigt.