Kunst & Kultur Tipp: Ein Bild entsteht zuerst im Kopf – die Londoner National Gallery im Kino

Frederick Wiseman, der 85jährige Grandseigneur des US-amerikanischen Dokumentarkinos, hat der ehrwürdigen National Gallery in London ein filmisches Denkmal gesetzt. Das 1824 gegründete Haus ist, wenngleich mehr als 50 Jahre älter, so etwas wie das Pendant zum Wiener Kunsthistorischen Museum. Man sieht Museumsführer die Besuchergruppen erklären, worauf man bei einem Leonardo achten sollte. Restauratoren erläutern Studierenden, warum man zunächst verstehen muss, wie Velázquez seine Bilder gemalt hat, bevor man sie angemessen restaurieren kann. Eine Sonderpädagogin versucht, Blinden ein Pissarro-Bild anhand eines Reliefausdrucks erfahrbar zu machen. Und eine Dichterin trägt ein Gedicht vor, zu dem sie ein Tizian-Bild inspiriert hat. Wiseman versteht es trotz des völligen Verzichts auf jegliche Effekte nachdrücklich klar zu machen, wieviel Aufwand die Bewahrung, Pflege und Restaurierung von Kunstwerken bedeutet. Und letztendlich läuft alles auf die Frage der Kunstvermittlung hinaus. Wie erklärt man den Menschen die Kunst historischer Gemälde? Gibt es so etwas wie einen richtigen Blick auf die Werke alter Meister? Was haben die Bilder ünerhaupt noch mit dem heutigen Leben zu tun?
Allen Abteilungen und deren Beschäftigten lässt Wiseman in seinem knapp 3 stündigen Werk Wort und Raum zukommen. Wie immer ohne Kommentar, ohne Interviews, ohne dem Zuseher eine Richtung vorzugeben. Dennoch spannend. Ab dieser Woche im Kino.

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