Kunst & Kultur Tipp: von “Sammellust” und Schuldenflucht

Das KHM hat am 17.6. eine spannende Ausstellung eröffnet: die Sammlung des habsburgischen Erzherzogs Leopold Wilhelm. Spannend in mehrfacher Hinsicht: die Sammlung ist nicht nur beeindruckend groß und qualitativ herausragend. Es lohnt sich auch einen intensiveren Blick auf den „Hausheiligen und Mitbegründer der Gemäldegalerie“, wie Leopold im Vorwort des Kataloges zur Ausstellung genannt wird, zu werfen.
Auf dem Bild, das sich bis heute im Besitz des Kunsthistorischen Museums befindet, sind Leopold Wilhelm und sein Galeriedirektor David Teniers bei einer gemeinsamen Inspektion der Sammlung zu sehen. Insgesamt trägt der Erzherzog etwa 1400 Werke zusammen, die er hauptsächlich während seiner Statthalterschaft in den Niederlanden ab 1647 erwirbt.
Doch wie kommt die Sammlung zustande? Woher stammen die ungeheuren finanziellen Mittel, die notwendig sind, um jene zwei Sammlungen zu kaufen, die heute den Grundstock des KHM bilden? Jene von George Villiers, Herzog von Buckingham und jene von James Hamilton, First Duke of Hamilton? Die beiden Herren verkaufen im übrigen nicht freiwillig: Villiers, Günstling und Diplomat des englischen Königs Charles I., wird von einem puritanischen Offizier ermordet, Hamilton, Heerführer der katholischen Restauration in England, als Hochverräter hingerichtet.
Unbestritten ist jedenfalls, dass die Vermögensverhältnisse von Erzherzog Leopold Wilhelm in krassem Gegensatz zu seiner Sammlertätigkeit stehen: als Statthalter der Niederlande soll er pro Jahr 200.000 Gulden (14.000.000€)  erhalten, die Zahlungen kommen aber nur schleppend an. Und bleiben dann wegen wiederholter Staatsbankrotte der spanischen Krone, einer davon 1652, gänzlich aus. Bei der Abdankung Ludwigs 1656 “schuldet” ihm die spanische Krone 1.900.000 Gulden (133.000.000€). Die jährlichen „privaten“ Einkünfte aus den Bistümern Passau und Olmütz sind lediglich der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Um 1650 betragen sie weniger als 10.000 Gulden (700.000€) jährlich.
Also verschuldet er sich, denn seine Ausgaben sind beträchtlich: für die Sammlung Buckinghams, die Leopold für den Prager Hof Ferdinands III. erwirbt, legt der Erzherzog 70.000 Gulden (4.900.000€) auf den Tisch. Die neueste Technik im herzoglichen Theatersaal in Brüssel lässt er sich um 1650 80.000 Gulden (5.600.000€) kosten. Zum Vergleich: ein Tagelöhner bezieht zu dieser Zeit ein Jahreseinkommen von 150  Gulden (10.500€).
Bis 1656 häuft Erzherzog Leopold Wilhelm einen Schuldenberg von 460.000 Gulden (32.000.000€) an. Und flieht schließlich samt seinen Kunstwerken bei Nacht und Nebel aus den Niederlanden, bevor seine Kreditgeber eine Pfändung seiner Sammlungen erzwingen können. Prominentes Beispiel: Leopolds Vorgänger als Statthalter der spanischen Niederlande, der Erzherzog und spätere Kaiser Matthias, wird von seinen Gläubigern fünf Monate lang an der Ausreise gehindert und so zur Bezahlung seiner Schulden gezwungen. Diesem Schicksal entzieht sich Leopold: keinen Gulden hat er je zurückgezahlt.
Dennoch: die Sammlung “Sammellust” des KHM enthält fantastische Werke und ist absolut sehenswert. Ob es unter diesen Aspekten allerdings angebracht erscheint, von einem „Hausheiligen“ zu sprechen, mag der Leser selbst entscheiden.

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